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Erinnerungskultur

Hi there,


gestern war Christopher Columbus Day, ein Feiertag vergleichbar mit durchschnittlichem amerikanischen Brot: von äußerst fragwürdiger Machart. Dieser Feiertag, der an die Ankunft des italienischen Seglers in der Neuen Welt erinnern soll (auch wenn Spötter nicht müde werden zu betonen, dass der gute Christoforo in Indien angekommen zu sein glaubte), hat zu wenig verwunderlichen Kontroversen geführt – immerhin erinnert man an einen Mann, der die Neue Welt nicht nur entdeckt hat, sondern der auch zugleich als Startpunkt für deren radikale Versklavung und Zerstörung gesehen werden muss. In einem Land wie den USA, wo es Bevölkerungsgruppen gibt, deren eigene Geschichte leidvoll mit der „Entdeckung“ Amerikas zusammenhängt, ist das Feiern eines solchen Tages ein Politikum. Auch dieses Jahr wieder. Während mancher Orts nicht mehr an den Entdecker, sondern an die Entdeckten erinnert wird, führt in anderen Gegenden des Landes die bloße Kontroverse zu verbalen Entgleisungen. So schäumte eine Nutzerin auf Facebook (nachdem in Detroit einer Kolumbus-Statue ein Tomahawk an den Kopf geworfen wurde), dass jene, die diesen Feiertag abschaffen oder umbenennen wollten, allesamt Idioten seien und man sich doch bitteschön mit der Geschichte abzufinden habe. Genau. Dass es in einer pluralistisch-demokratisch organisierten Gesellschaft gerade darum nicht geht, sondern um die Frage, welche Erinnerungskultur die der Gesellschaft angemessene ist, ist der Nutzerin offenbar entgangen, es scheint ihr aber auch herzlich egal zu sein. Viel wichtiger war die Beleidigung an sich, das Dampf-Ablassen, der gute alte Tritt ans Schienbein an alle, die es wagen sollten, nationale Symbole in Zweifel zu ziehen. Herrlich. Fast wie in Deutschland. Im Übrigen hat mein Mitbewohner eine hübsche Aktualisierung des Christopher Columbus Day vorgeschlagen: Man gehe zu seinem Nachbarn, nehme ihm sein Haus weg, verkaufe seine Familie und erzähle ihm dann, dass das alles nur zu seinem Besten ist, weil er leider ein kulturloses Subjekt und damit ergo minderwertig sei. Als Gegenleistung bietet man dem Nachbar aber seine Religion an, von der er nichts versteht und die ihm so fremd ist, dass er auch seelisch bis auf Weiteres völlig bankrott ist. Und dann stellt man eine Staute im Garten auf, die an dieses Ereignis erinnert und klopft dem völlig erniedrigten Nachbarn auf die Schulter: „Schön war's, damals...“


Ansonsten hat der Herbst nun auch St. Louis erreicht (nachdem wir vor knapp zwei Wochen noch einmal fast 30° Grad hatten) und beginnt, die reichlich mit Bäumen versehenen Straßen bunt zu färben. Man kann wunderbar durch das noch vom Vorjahr stammende Laub laufen und den Eichhörnchen dabei zuschauen, wie sie hektisch Futter in den Vorgärten vergraben. Nur an ganz ausgewählten Stellen kann man hier und da noch eine Zikade hören, zum Beispiel im Forest Park, wo ich einen herrlichen Sonntag verbracht habe. Dabei hat mich mein Weg unter anderem in den hiesigen Zoo geführt, wo ich gemeinsam mit einer taiwanesischen Studienkollegin Sinn und Unsinn eines Auslandsaufenthalts diskutiert habe, bei dem man die meiste Zeit in einem Büro sitzt, das so auch auf jedem anderen Teil der Erde beherbergt sein könnte. Denn leider ist es so, dass wir die meiste Zeit so mit Arbeit überhäuft werden (die kapitalistische Variante des König Midas: was immer man anfasst, wird zu Arbeit), dass man eigentlich weder Kraft noch Gelegenheit hat, sich das Land, in dem man ist, genauer anzuschauen. Apropos anschauen, wir haben uns natürlich in besagtem Zoo auch Tiere angeschaut und waren wie alle Anwesenden von den Orang-Utans mit ihrem Nachwuchs fasziniert – das war ein „Oh“ und „Ah“, wie man es sonst nur bei Feuerwerken kennt. Wie hübsch diese Tiere doch sind. Danach ging man zum überdimensionierten Parkplatz und setzte sich in sein überdimensioniertes Auto, um auf überdimensionierten Straßen nach Hause zu fahren. Und manch einer mag beim Durchtreten des Gaspedals gedacht haben: „Wäre schon schade, wenn die aussterben würden...“


Da fällt mir ein: Autos. Ja, VW hat hierzulande eine Menge an Ruf und Ansehen verspielt (auch wenn mir nicht so recht einleuchten mag, woher die immer wieder betonte Überraschung stammen mag – internationale Konzerne, die die Öffentlichkeit täuschen, kennt man das nicht zur Genüge?), daran ändert auch die groteske Entschuldigung von Michael Horn (VW-Chef in den USA) nichts, in der er in bestem Denglisch verkündete: „And in my German words: We've totally screwed up.“ Nicht ganz zu unrecht hat John Oliver darauf hingewiesen, dass das ja gar keine deutschen Worte seien, die Horn da benutzt habe, aber wahrscheinlich wäre ihm ein herzliches „Wir haben euch alle verarscht“ bedeutend schwerer über die Zunge gegangen. Die Empörung ist groß und verständlich, kennt aber auch eine durchaus komische Seite – immerhin regt man sich in einem Land über VW auf, das es nicht lassen kann, unter dem Begriff „Auto“ ein riesiges, spritfressendes, panzerartiges Ungetüm zu verstehen, ausgestattet mit einer monströsen Ladefläche, die keiner braucht und die man noch nicht einmal beim wöchentlichen Mega-Einkauf bei Walmart voll bekommt. Ich kann mir nicht helfen: Das alles hat eine gewisse ironische Note...


Liebes Deutschland, ein letzter Gruß aus der Ferne, von der aus das aufgeschwemmte, durch Hassfalten verschönerte Gesicht von Horst Seehofer noch abstoßender erscheint, als man es gewohnt ist. Vor kurzem noch hat man sich die Augen gerieben, Deutschland erkennt seine Verantwortung in Europa an, Deutschland hilft, Deutschland ist nicht mehr nur deshalb in den Medien, weil man mal wieder Panzer nach Saudi-Arabien geschippt hat (wahrscheinlich um die Demokratie zu stützen). Es scheint ein eher kurzes Aufblühen gewesen zu sein. Es stimmt, es gibt Unzählige, die auch weiterhin ihre Hilfe denen zukommen lassen, die sie jetzt am dringendsten brauchen und sie tun dies mit einer Hingabe und Aufopferung, die Respekt und Dank fordert. Dass aber landauf, landab Häuser brennen, in denen Flüchtlinge unterkommen sollten, dass man von Grenzschließung und beschleunigter Abschiebung liest und man wieder all den rassistischen Dreck hören muss, den man als deutscher Bürger ja mal wohl sagen darf, das alles wird als deutsch-europäische Schande in die Geschichtsbücher eingehen, die Leute wie Horst Seehofer am liebsten fälschen würden. Männer wie er liefern auf der politischen Ebene die nötige mediale Masse, um die Idee „Europa“ endgültig in den Ruin zu treiben. Aber man schaue sich in der Welt doch mal um: Wo genau existiert gerade eine bessere Idee als Europa? An dieser Idee muss man eben mitarbeiten, damit sie endlich die Konturen bekommt, die sie braucht und verdient. Die Hassfratzen der europäischen Rechten dürfen hier nicht das letzte Wort behalten, nicht in Wien, nicht in Den Haag, schon gar nicht in Bayern mit seiner abstoßenden Mia-san-mia-Ideologie und dieser Brechreiz erregenden Weißwurst-und-Biermaß-Romantik. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen und der Lösungsansatz vom homogenen Nationalstaat war nie mehr Lüge und Konstrukt als heute.


Man stelle sich vor: In 100 Jahren erinnert man sich nicht nur an Christopher Kolumbus, sondern auch an jene Gestalten, die Europa endgültig in eine Festung verwandelt haben – und nicht an jene Zigtausende, die namenlos im Mittelmeer ertranken. Diese werden sich dann zu den anderen Verlierern der Geschichte gesellen und in den Büchern großer weiser Männer werden sie mit keiner Silbe Erwähnung finden.


Wollen wir das?


Nachdenkliche Grüße,


Manu

13.10.15 15:38
 


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