* Startseite     * Über...     * Archiv     * Gästebuch     * Kontakt     * Abonnieren



* Letztes Feedback
   15.08.15 23:24
    Boah Dicker, ich hatte
   16.08.15 12:53
    Salut Monsieur, schön
   16.08.15 14:54
    An die Tiefkühlung gewöh
   3.09.15 17:40
    Hallo Manuel, wir sind j
   8.09.15 21:39
    Na dann.... Hoffentlich
   20.11.15 08:53
    Moment, musstest du barf






The World in a Can

Hi there,


die Tage werden kürzer, die Sonne versinkt bereits um 19.30 Uhr und mit der Dunkelheit kommt pünktlich die Müdigkeit, die man für gewöhnlich den ganzen Tag schon mit sich herumgeschleppt hat. Es gehört wohl schlicht zum Selbstverständnis einer (selbsternannten) Eliteschmiede, dass die Studierenden und die angehörigen des Lehrkörpers mit hübscher Regelmäßigkeit an den Rand des Zumutbaren gedrängt werden. Wie man unter solchen Bedingungen kreativ und kritisch arbeiten soll, bleibt noch abzuwarten. Es ist jedenfalls frappierend, wie häufig in der Selbstdarstellung der Washington University das Wort „leadership“ auftaucht – das Wort „responsibility“ ist mir bis dato eher selten untergekommen. Was ich eigentlich sagen wollte: Ich komme selten zum Schreiben. Da ich diesen Blog als öffentliches Quasi-Tagebuch verstehe, in dem ich über alltägliche Kleinigkeiten und Beobachtungen reflektiere, heißt das eben auch, dass ich im Allgemeinen wenig zum Reflektieren komme – wenn das mal nicht systemisch ist.

Auch das ist systemisch: Wer hier eine Bar betreten will, wird ab einer bestimmten Uhrzeit noch am Eingang nach dem Ausweis gefragt. Was den Durchschnittsdeutschen schon den Kopf schütteln lässt, führt spätestens dann zu einem gequälten Lächeln, wenn er IN der Kneipe beim Bestellen eines Biers gleich nochmals nach dem Ausweis gefragt wird. Die Dämonisierung jeder Form von Drogen, die Amerika nicht nur den sinnlosen, weil nutzlosen und autodestruktiven „war on drugs“ beschert hat, hat gleichzeitig eine Mentalität gefördert, die den offenen Konsum von Drogen (und sei es nur das Feierabendbier) in der Öffentlichkeit unter Generalverdacht stellt.

Das Trinken auf öffentlichen Plätzen ist verboten, das Trinken auf der Straße ist verboten, wer mit seinem Glas eine Kneipe verlässt, mach sich strafbar – und das, obwohl es in Missouri selbst kein Gesetz gibt, das den Konsum von Alkohol auf öffentlichen Plätzen verbietet. Aber die meisten Städte, unter ihnen St. Louis, haben auf kommunaler Ebene für eben jene Regulationen gesorgt. Großherzig steht die Stadt seinen potentiell versoffenen Einwohnern jedoch zu, Alkohol im Rahmen eines Picknicks zu trinken. Danke. Selbstverständlich hilft einen das nicht, wenn man mal wieder nach dem Ausweis gefragt wird und die fragende Person einen deutschen Pass nicht akzeptieren will, weil sie nicht weiß, wie ein solcher aussieht und man ihn ergo auch gefälscht habe könnte. Vor so viel wohlwollender Borniertheit knickt man dann doch manchmal ein und flüchtet sich in die wohlstrukturierte Bigotterie, die sich darin zeigt, dass man zwar „König Alkohol“ nur zu gerne verteufelt – aber alles tut, dass die großen Firmen sich glänzende Absatzzahlen sichern können. Erinnert sich noch jemand an die WM in Brasilien? Dort galt ein striktes Alkoholverbot in den Fußballstadien, bis die FIFA, diese Verbrecher in Nadelstreifenanzug, den Brasilianern klar gemacht haben, dass Fußball ohne Bier schlicht kein Fußball ist. Wohlgemerkt: Nicht irgendein Bier. Budweiser. Dieses leichte, immer kühle, geschmacklich beinah neutrale Gebräu, das weltweit umsatzstärkste Bier, dessen wirtschaftliche Stärke es sicherlich erleichtert hat, einer demokratisch legitimierten Regierung in Südamerika den legislativen Hals zuzudrücken. Ach, wo Budweiser bzw. die Firma Anheuser-Busch seinen Hauptsitz hat? Nun, in St. Louis. Übrigens, wer sich die Homepage besagter Firma ansehen will, muss 21 Jahre sein. Vorher darf man in den USA keinen Alkohol trinken. Und auch keine Bierhomepages besuchen.

Ansonsten waren die letzten Tage geprägt durch ein wunderbares Konzert in einer sehr kleinen Kneipe hier um die Ecke – eigentlich ist das auch keine Kneipe, sondern das verlängerte Wohnzimmer des Besitzers, der dort in unregelmäßigen Abständen Konzerte stattfinden lässt. Allein das Interieur ist ein Besuch wert; der Raum ist vollgestopft mit dem absonderlichsten Krempel, der sich vor allem der Tätigkeit des Besitzers verdankt. Der gute Mann ist Skulpteur und hat neben seiner Privatkneipe auch noch einen riesigen (Bier)Garten, der vor Skulpturen und Figuren geradezu überfließt. Grandios. Wie das Konzert – drei ältliche Herren, die sich in einer wunderbar gespielten Jazz/Blues/Soul-Mischung ergehen, bei der man bestens eines der Lokalbiere trinken kann (die von weit überdurchschnittlicher Qualität sind).Dass damit Budweiser nicht gemeint war, versteht sich.

Sodann war ich am Freitag auf dem hiesigen Heißluftballon-Festival. Naja, zumindest war es als solches gedacht. Da es aber leider am Freitagabend zu windig war, sah man zwar überall Ballonkörbe, auf denen die riesigen Gasbrenner meterhohe Flammen in in den Nachthimmel schleuderten – aber eben nicht die dazugehörigen Ballone. Wir flüchteten uns sodann nach einem etwas zu kurz geratenen Feuerwerk in die nächste Brauerei und machten noch einen spätnächtlichen Abstecher in eine der Bars auf der Manchester Avenue, einer der beliebtesten Straße der Stadt. Den Rückweg darf man dann gerne als Fiasko bezeichnen. Ich bin alleine mit dem Fahrrad losgefahren und wohl irgendwann falsch abgebogen. Das Resultat dieses Fauxpas: Ich landete in einer Gegend, deren Trostlosigkeit förmlich spürbar war. Verödete Straßenzüge, vernagelte Fenster, abbruchreife Häuser – alles schrie danach, dass ein weißer Naivling auf seinem Fahrrad hier nichts zu suchen hatte. Das bestätigten mir dann auch fünf schwarze Jugendliche, die mit ihrem Auto neben mir hielten und mich etwas fassungslos anschauten, wobei einer leise raunte: „Man, you have no idea where you are.“ Das stimmte. Man zeigte mir dann noch schnell den Weg zurück in die Zivilisation und ich fiel eine halbe Stunde später erschöpft ins Bett, aus dem mich mit furchtbarer Zuverlässigkeit und viel zu früh die Klimaanlage trieb.

Meinen ersten Besuch in einer amerikanischen Mall habe ich auch hinter mir. Ich gebe mir Mühe, dass es zugleich der letzte war. Diese Architektur gewordene Perversion eines Allverfügbarkeitsgedanken und einer hoffnungslos verlogenen Ideologie der Dauerhaftigkeit, durch die sich selbst sonntags die Massen der politisch Ruhiggestellten schieben, ist nichts für (m)einen schwachen Magen. Mir ist noch jetzt vor lauter „buy that shit“ ganz flau.


Mit systemkritischen Grüßen,

Manu

 

PS: Wie war Motörhead? Kann man hier lesen.


21.9.15 16:15
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung