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Get used to it, oder: Die soziale Dimension des Rasenmähens

Hey there,

 

jetzt sind es also bald zwei Wochen, die ich bereits in St. Louis bin. Mein Mitbewohner, der seinerseits erst etwas mehr als zwei Monate hier ist, hat heute seufzend gemeint, dass er sich schon so fühlt, als wäre er bereits ein gutes Jahr hier. Tja, tatsächlich fühlt es sich ein wenig so. Der Bewegungsradius, dem ich hier unterliege, ist durch und durch von der Washington University bestimmt, die den einzelnen mit nahezu allem versorgt, was man so für das tägliche Überleben so braucht. Neben Mensa (kein Vergleich zu dieser kulinarischen Wiederverwertungsanlage in Tübingen) und diversen Cafeterien bietet der Uni-Shop eigentlich alles vom Trinkbecher bis zum Kinderstrampler. Abends schafft man es dann vielleicht noch bis zum Delmar Loop, der bereits erwähnten berühmten Straße, auf der nicht nur eine Statue von Chuck Berry steht, sondern er selbst auch (angeblich) noch einmal pro Monat auftritt. Angesichts des Alters des besagten Musikers stimmt mich diese Geschichte zwar skeptisch - aber ich werde die Augen offen halten.

Ein Jahr hier oder erst zwei Wochen: Es gibt schlicht Dinge, die einem besonders auffallend erscheinen. Mein dieswöchiges Beispiel: Das Rasenmähen. Eine für sich harmlose Tätigkeit, in Deutschland höchstens dahingehend problematisiert, dass man von Seiten der Nachbarn hämische Blicke erhält, wenn der eigene Rasen zu sehr den Charme einer wilden Heidelandschaft ausstrahlt. Aber eine wirklich soziale Dimension hat das Rasenmähen nicht (bei der in Schwaben so beliebten Kehrwoche müsste man da noch einmal drüber sprechen). Wenn ich nun aber hier meine mittelständisch-spießige Straße hinunter laufe, dann fällt einem der besondere, beinahe wütende Eifer auf, mit dem hier der kleine Rasen vor dem Haus gemäht wird. Zumeist handelt es sich dabei nur um wenige Halme, aber sie sind - und das macht sie so besonders - von außen eben sichtbar. Sie existieren irgendwie zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Und sie funktionieren wie ein Zeichen - schaut, hier ist gemäht, hier kümmert sich wer um die Straße, diese Gegend ist sicher etc. Und tatsächlich, in einem Gespräch, das ich vor wenigen Tagen mit einer amerikanischen Bekannten führte, fiel doch tatsächlich die Formulierung: Wenn du wissen willst, ob du in einer guten Gegend bist, schau auf zwei Dinge. Erstens, sind die Häuser verfallen (das leuchtete mir noch ein), zweitens, ist der Rasen vor den Häusern gemäht. Das hat mich doch überrascht, leuchtet mir aber inzwischen ein. Amerikanische Städte leiden häufig an einem Phänomen, das man hier "sprawl" nennt und das sich am ehesten mit dem Begriff der Zersiedelung beschreiben lässt. Die Städte dehnen sich über viele Kilometer aus, sind zerschnitten von teils riesigen innerstädtischen Highways und kennen die auch bei uns immer beliebter werdende Strategie, Einkaufszentren an Stadtrände zu konzentrieren, was zu teils desaströsen Verödungen in den einzelnen Stadtteilen führt. Selbst bessere und als gut beschriebene Stadtteile in St. Louis sind dadurch gekennzeichnet, dass sich in ihnen kaum (wenn überhaupt) Läden, Cafes oder ähnliches findet. Die Nahversorgungsstruktur, etwas, was eine Gegend in meinen Augen ja erst wirklich lebenswert macht, ist hier ausgelagert. Und da öffentliche Verkehrsmittel erst ab einer gewissen Ballung effektiv und gewinnbringend arbeiten können, die Zersiedelung aber genau diese Ballung hier verhindert, sind die Busverbindungen so schlecht, dass eben jeder auf ein Auto angewiesen ist. J. H. Kunstler, amerikanischer Schriftsteller und vehementer bis zynischer Kritiker der amerikanischen Städtebaupolitik macht in seinem Buch "Home from Nowhere" deutlich, wie zerstörend das Automobil sich auf amerikanische Städte ausgewirkt hat. Na, das wäre doch im Kontext von Stuttgart beispielsweise auch einen Gedanken wert. Wie dem auch sei, da alle sichtbaren Anzeichen einer funktionierender Nachbarschaft fehlen, es keine sozialen Treffpunkte oder ähnliches gibt, schaffen sich die "besseren" Nachbarschaften ihre eigenen Zeichen. Das Rasenmähen ist so ein Zeichen. Muss ich es da nicht bedenklich finden, dass vor meinem eigenen Haus das Gras in wilder Zügellosigkeit vor sich hin wuchert?

Überhaupt: vor meiner Haustür. Auf der hier typischen Veranda verbringe ich eigentlich jeden Tag Zeit, zumeist lesend und damit beschäftigt, so viele Moskitos wie möglich zu erschlagen. Diese Biester haben sich als eine wahre Pest erwiesen - keiner unter uns, der nicht einige Stiche abbekommen hat (Rekordhalterin ist eine deutsche Kollegin, die es an einem Abend auf 15 Stiche gebracht hat). Es gibt bereits Berichte, die besagen, dass diese Blutsauger ihren unersättlichen Rüssel sogar durch Kleidung bohren, um das ihnen offenkundig zusagende Europäerblut zu trinken. Nein, viel lieber sind mir da die hiesigen Zikaden; nicht, dass mir diese riesigen Insekten ästhetisch zusagen würden, aber ihr irrsinnig lautes Surren abends ist einfach schön. Es ist schön, auf seinem Stuhl auf der Veranda zu sitzen und ihnen einfach nur zuzuhören. Ab und an schreit dann ein Eichhörnchen dazwischen (die hier wenig beliebt sind, weil sie mit Vorliebe alles anfressen, was nicht aus Metall ist - und hier ist vieles nicht aus Metall). Eigentlich sind auch die Zikaden nicht so recht beliebt, was vor allem daran liegt, dass sie abends dazu neigen, unkontrolliert durch die Gegend zu fliegen und dabei einem schon mal gegen die Stirn knallen. Aber ich mag sie. Ich weiß ergo schon jetzt, was ich während des Winters vermissen werde...

Sei zum Abschluss noch erwähnt, dass ich meine erste Uni-Woche gut hinter mich gebracht habe. Das Semester selbst beginnt erst morgen, die vergangenen Tage habe ich in einem Pädagogik-Workshop verbracht, bevor man mich dann kommende Woche auf die hiesigen Studenten loslässt (oder umgekehrt?). Bedingt durch die Tatsache, dass der Durchschnittsstudent hier ein kleines, ach, nein, ein riesiges Vermögen bezahlt, um studieren zu können, versteht man die Lehre an der Universität in erster Linie als Dienstleistung. Man kann das bedenklich finden (und sollte es vielleicht alles in allem auch tun), aber es bewirkt zumindest, dass dem Bereich der Lehre jene Bedeutung zugemessen wird, die ihr eigentlich zukommen sollte. 

Ach, meinen ersten Besuch im Walmart habe ich auch schon hinter mir. Um ehrlich zu sein: Ich dachte, es würde schlimmer werden. Es war beim besten Willen nicht so scheußlich, wie sich das der Durchschnittsdeutsche so vorstellt. Etwas verstörend war es dann aber doch, dass man an der Kasse ALLES in Plastiktüten eingepackt bekommt. In KLEINE Plastiktüten. Was dazu führt, dass jene, die ihren Wocheneinkauf im Walmart erledigen, mit ungefähr 20 Tüten den Laden verlassen. Aber das macht ja nichts, da die Tüten bis zu 30% kompostierbares Material enthalten. Wow. Über die anderen 70% machen wir uns dann nächste Woche Gedanken.

So long,

Manu!!!

 

 

24.8.15 03:46
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Gramlich Jutta und Albert (3.9.15 15:40)
Hallo Manuel, wir sind jetzt auch in Board! ...und freuen uns auf deine Neuigkeiten. Juttatante und Albertonkel

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