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News From The Midwest

Rollen wir das Feld von hinten auf - eben bin ich noch über den Delmar Boulevard gelaufen, die fraglos berühmteste Straße von St. Louis, berühmt nicht nur wegen ihrer vielen Läden, Bars, der Live-Musik sowie dem "St. Louis Walk of Fame", sondern auch, weil kaum eine andere Straße in den Staaten für die immer noch wirksame Trennung zwischen Weißen und Schwarzen steht. Jener Teil der Stadt, der sich nördlich des Delmar Boulevards erstreckt, der sich durch zerfallende Häuser und einer sprunghaft ansteigenden Kriminalitätsrate auszeichnet, steht exemplarisch für Chancenlosigkeit ganzer Generationen von schwarzen Amerikanern, für die der american dream niemals mehr gewesen ist, als ein in Herrschaftssprache verpacktes Stillhalteabkommen. Blickt man aber von Delmar aus in den Süden, dann wächst nicht nur der Anteil an Weißen und das Durchschnittseinkommen steil an, sondern auch bald die ersten Gebäude der bedeutendsten Universität der Stadt (und vielleicht des gesamten Mittleren Westens) in den zumeist wolkigen Himmel. Irgendwo dazwischen liegt das Haus, in dem ich wohne, unscheinbar von außen und staubig von innen, dabei aber versehen mit dem gewissen Charme kleinerer amerikanischer Häuser und umgeben von Nachbarn, die zu jeder Tageszeit freundlich grüßen. Wie bin ich doch gleich hierhin gekommen?

Richtig - der Flug über den Atlantik. Da ich mich aufgrund diverser Hirnlosigkeiten nicht online einchecken konnte, stand ich morgens gegen 6:30 Uhr in Frankfurt am Flughafen, um dort von einer freundlich lächelnden Dame darüber aufgeklärt zu werden, dass mein Flug nach Dallas 2 1/2 Stunden Verspätung habe. Wegen technischer Probleme. Wie erheiternd. Da es ergo nichts zu tun gab, schlief ich auf der Stelle noch einmal ein und schleppte mich dann mit einem Puls, der zwischen Schlaftablette und Tollwut changierte, in ein Flugzeug, dem ich spontan noch nicht einmal zutraute, sich vom Boden zu erheben. Alt, schwerfällig, eine wahre Rostlaube, innen mit einem unerträglichen Charme von muffigen Wohnungen versehen - immerhin hat man stilbewusst das Alter des Bordpersonals dem der Maschine angepasst. Nun gut, bleibt einem zumindest die unnötig aufreizende Art diverser Stewardessen erspart. Als Ersatz durfte ich aber (wie befürchtet) in der vorletzten Reihe sitzen, schön in unmittelbarer Nähe zu den Toiletten, die ich - wie ich nicht ohne einen gewissen seltsamen Stolz zu erwähnen trachte - den ganzen Flug über nicht aufsuchte. Dies wäre aber auch schwerlich gegangen, immerhin war der Flug durchzogen von teils langandauernden, heftigen Turbulenzen. Und während ich mich darin übte, die Sessellehnen aus ihrer Verankerung zu reißen, schnarchten meine beiden Sitznachbarn munter vor sich hin. Erst als ich erfahren hatte, dass der Rotwein im Preis inbegriffen war und ich von selbigem drei Plastikgläschen geleert hatte, ging es langsam besser. Ach, machen wir es kurz: Ich landete mit ruinierten Nerven in Dallas, nur um mich dann (verschwitzt wie ich war) einer knapp zweistündigen Tortur aus Sicherheitscheck, Schlangestehen und Gate-Suchen auszusetzen. Den kurzen Flug nach St. Louis erlebte ich letztlich in einer Art Trance. Und als ich dann endlich im Auto meines Vermieters saß, der so freundlich war, mich mit seinem riesigen Pick-up Flughafen abzuholen, da ging es mir dann beinahe gut. Im Übrigen war das erste, was ich auf amerikanischen Boden trank, ein Budweiser. Nun ja, ich werde versuchen, diesen Fehler nicht zu wiederholen.

Die letzten beiden Tage habe ich sodann auf dem tatsächlich verblüffend schönen Campus der Washington University verbracht, der in seiner Art auch in England stehen könnte und von William Greenleaf Eliot gegründet wurde. Nun, man kennt eher seinen Enkel, T.S. Eliot, der ebenfalls in St. Louis geboren wurde. Da Großvater Eliot es aber ablehnte, dass die Universität seinen Namen trägt, hat man ihm zur Strafe eine große Bodenplatte am Eingang gewidmet, sodass fortan alle auf ihm herumtrampeln. Fotos (nicht nur von der Bodenplatte) folgen bald.

Wo in Frankreich seinerzeit die Aufmerksamkeit neuen, vor allem internationalen Studierenden gegenüber eher unterdurchschnittlich ausgefallen war, tendiert hier eher alles zu einer Art permanenten Bemutterung. Den Satz "We are here for you" habe ich schon unzählige Male gehört und wenn ich ihn noch einmal höre, glaube ich ihn sogar. Selbst wer sich dagegen wehrt: Irgendwann fühlt sich dieses ewige Kümmern um einen richtig an und schafft in Kürze ein warmes Gefühl im Inneren - letzteres ist auch unbedingt nötig, vor allem in geschlossenen Räumen, die "dank" der Klimaanlagen so kalt sind, dass man lange Kleidung braucht, obwohl draußen über 30 Grad herrschen. Auch wenn einem (zurecht!) geraten wird, fremden Kulturen gegenüber aufgeschlossen und vorurteilsfrei zu begegnen: Die Art und Weise, wie hier die Häuser tiefgekühlt werden, ist einem durchschnittlichen Zentraleuropäer nicht beizubringen, so sinnlos und verschwenderisch geht es hier zu. Dieses, sagen wir mal, mangelnde Gespür für Temperaturabstufungen findet sich auch, wenn man Getränke bestellt - wer nicht schnell genug angibt, dass er kein Eis möchte, bekommt sein Wasser in arktischen Temperaturen serviert. Da passt es ja, dass eines der hiesigen Biere auf dem Etikett eine schneebedeckte Hügelkette verpasst bekommen hat. Tja...

Dieses Land macht es einem furchtbar einfach: Wer will, findet auf der Stelle ALLE Vorurteile, die man von den USA haben kann, bestätigt - wunderbar Positives und erschreckend Negatives sind hier zu einer unauflöslichen Mischung geronnen. Welche der beiden Seiten letztlich überwiegt, wird nicht zuletzt auch am Besucher selbst liegen.

Es gäbe noch vieles zu sagen. Aber mein Eisbergbier wird langsam warm und mein Nacken hat durch die Dauerbestrahlung durch die Klimaanlage mittlerweile eine angenehme Steife erreicht. Bleibt noch zu erwähnen, dass ich mir heute in einem äußerst schicken Kino den neuen Woody Allen angesehen habe. Er war erschreckend langweilig, stereotyp, unelegant und hatte den intellektuellen Brennwert von Toastbrot. Schade.

So long.
Manu!!!

 

15.8.15 06:55
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Carla (16.8.15 14:54)
An die Tiefkühlung gewöhnt man sich mit der Zeit... und wenn nur dadurch, dass man sich angewöhnt, immer einen langärmeligen dünnen Pulli mitzuschleifen

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